Ein Weihnachtsmärchen

Es war alles anders heute. Irgendetwas lag in der Luft, als ob die Luft selbst anders wäre. Seit Morgengrauen war sie unterwegs, so wie immer. Auf der Suche nach geeigneten Weideplätzen für ihre Tiere. So wie immer richtete sie sich nach den Stimmen der Erde, die ihr zuflüsterten, wo die besten Grashalme zu finden waren, wo es Wasser gab. Das war mit ein Grund, warum das Dorf ihr die Herde anvertraute.

Heute jedoch waren die Stimmen der Erde aufgeregt. Sie flüsterten durcheinander und das kleine Mädchen mit der großen Aufgabe konnte sie nicht verstehen. Das Mädchen spürte wie die Angst in ihr, sich kalt um ihr Herz legte. Es war die dunkle Zeit des Jahres, in der gute Weideplätze selten zu finden waren. Das Leben des Dorfes war abhängig davon, ob sie ihre Tiere durch den Winter brachte. Bisher hatte es auch immer geklappt.

Doch heute war alles anders. Die Luft, die sie atmete, vibrierte förmlich, beruhigte nicht wie sonst, sondern wühlte sie auf. Ihre Gedanken, von denen sie gewohnt war, dass sie gleichmäßig strömten, wirbelten durcheinander. Sie konnte die Stimmen nicht heraushören, denen sie ihr Leben verdankte. Die Herde schien ihre Unsicherheit zu spüren, denn die Tiere waren unruhig, blökten grundlos. Der Tag schien in Aufregung unterzugehen. Die Verzweiflung des Mädchens schwoll bis ins Unerträgliche an, sie hatte noch nie soviel Angst gehabt. Langsam wurde es wieder dunkel. Heute hatten weder sie, noch ihre Tiere gegessen oder getrunken. Sie war den ganzen Tag herumgeirrt, ihre Tiere antreibend und hatte nicht gefunden was so wichtig war. Erschöpft, einsam und verzweifelt setzte sie sich auf die Erde. Die Herde drängte sich eng um sie, als ob sie durch die Nähe, die Angst vertreiben könnten.

Das kleine Mädchen war hungrig und durstig, erschlagen von der viel zu großen Aufgabe, die sie nicht erfüllen konnte.  Plötzlich spürte sie, wie sich die zu einem Körper gewordene Herde in Bewegung setzte. Das war sehr ungewöhnlich, denn ihre Tiere fürchteten die Gefahren der Dunkelheit. Doch heute war alles anders. Kurz flammte der Gedanke auf, ihre Tiere zurückzuhalten, doch dann übergab sie sich dem Unsinn, mit ihren Tieren in die Dunkelheit der Nacht zu gehen.  Gleichmäßig war das Geräusch der Hufe auf der Wintererde. Es beruhigte sie und sie überließ die Führung ihrer Herde.

Ihr Geist war ruhig geworden, und während sie innerlich über den Irrsinn, ihren Tieren in die Nacht zu folgen, lächelte, hörten die Stimmen der Erde auf, durcheinander zu reden. Ruhig war es geworden innen und außen. So ruhig, dass der Raum zwischen den Räumen sich zu entfalten begann. Die Luft, die sie atmete, weitete ihr Herz, und sie spürte die Kraft, die sie nach Vorne zog. Sie blickte in den dunklen Nachthimmel, in dem die ersten Sterne gerade zu leuchten begannen, und hörte, wie die zarten Stimmen der Gräser zu singen anfingen. Dieses Lied hatte sie noch nie gehört, so hell und klar.

Das kleine Mädchen atmete die kristallene Nachtluft ein, die heute süß wie Nektar schmeckte, ihren Hunger und Durst besänftigte. Langsamen Schrittes näherte sie sich einem unbekannten Ziel, sich der Führung ihrer Herde überlassend. In den Gesang der Gräser hatten die Steine der Erde ihren Rhythmus eingeflochten, die Bäume ihre Melodien hinzugefügt und die Sterne ihr sanftes Klingen eingewebt. Das Herz des kleinen Mädchens nahm das Lied tief in sich auf und spürte wie prickelnde Vorfreude sich breit machte. Der Weg, den sie ging, schien sich unter ihren Füßen von alleine zu bewegen, während sie ganz still ruhte. So erreichte sie ihr Ziel, einen Stall, in dem ein Kind geboren worden war. Ein Stern leuchtete hell, die Luft erfüllt von Engelsstimmen.

Das kleine Mädchen ging langsam auf den Stall zu. Ihr ganzer Körper spürte das Leuchten des Sternes und ihr Atem atmete das Licht. Und dann sah sie, das Baby und ihr Herz fing innerlich zu weinen an, berührt von der Schönheit, die es spürte. Das Baby öffnete seine Augen und ihre Blicke begegneten sich. Die Grenzen ihrer Welt lösten sich auf, und sie wurde eins mit der Ewigkeit, warm und sanft vibrierend, das Leben selbst, singend das Lied der Stille.  Und während sie sich auf ihre Knie sinken ließ und Tränen der Dankbarkeit warm über ihre Wangen flossen, hörte sie, wie ihre Seele seufzte und die Welt „Ja!“, hauchte.

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4 Responses to Ein Stern leuchtete hell, die Luft erfüllt von Engelsstimmen*

  1. Welch berührende Geschichte, liebe Stella, sie ist wie Du, das pure Leben. Vielen Dank dafür und herzlich Willkommen in der Blogger Community.

    Alles Liebe
    Martin

  2. Stella-Maria sagt:

    Danke für dein Kommentar lieber Martin… die Aufregung einen Teil von mir in einem Artikel zu präsentieren prickelt und macht mich schüchtern. Ich bin froh, dass ich so warm von dir willkommen geheißen wurde.
    Alles Liebe
    stella*

  3. Gabriele Schmid sagt:

    So eine märchenhafte, schöne, zarte Geschichte! Danke, liebe Stella! Ich bewundere Deinen Mut und Einsatz.
    Alles Liebe
    Gabriele

  4. Stella-Maria sagt:

    Danke, liebe Gabriele, für dein Kommentar..
    Menschen wie du, sind es die mir Mut machen Artikel von mir zu veröffentlichen.
    Alles Liebe
    stella*

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